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Es gibt sie nun nicht mehr.
Freie und unabhängige Web-Präsenz
für Rudolf
Steiners
Geisteswissenschaft und Anthroposophie
V5
Das Cern, das europäische
Kernforschungszentrum in Genf, betreibt zwecks Forschung einen
Teilchenbeschleuniger. In diesem werden mit sehr grossem und
stromhungrigem Aufwand subatomare Teilchen mit sehr hoher
Geschwindigkeit auf andere subatomare Teilchen geschleudert, in der
Hoffnung, dass durch die entstehende Zertrümmerung etwas bisher nicht
Erkanntes zum Vorschein komme; es wird etwas gesucht, von dem keine
Vorstellung vorhanden ist. Das Ziel ist, „die fundamentalen Gesetze zu
entdecken, die das Verhalten der Natur lenken. Es geht um ein Verstehen
der elementaren Prinzipien, die über das Universum bestimmen; darum,
wie – und insbesondere warum – die Natur so funktioniert, wie wir sie
beobachten.“ (Gian Francesco Giudice: Odyssee im Zeptoraum. Springer
2012, Seite viii). Oder eben, wie Goethe sagte: was die Welt im
Innersten zusammenhält.
Das Cern wurde 1954 begründet und erhielt seither immer
leistungsfähigere technische Einrichtungen. Die bisherige grösste
Einrichtung ist der Teilchenbeschleuniger, ein Ringtunnel aus Beton,
100 Meter unter der Erdoberfläche, innen ausgestattet mit einer fast
unendlichen Reihe von Elektromagneten, welche die zu untersuchenden
Teilchen in Bewegung versetzen und auf eine sehr hohe Geschwindigkeit
beschleunigen. Der Ringtunnel hat eine Länge von 27 Kilometer. Das
dabei verbaute Material von 37‘000 Tonnen muss auf 270°C unter Null
gekühlt werden. Der Stromverbrauch ist so hoch, dass die Anlage im
Winter nicht betrieben werden darf.
Weil nun aber in diesen verflossenen siebzig Jahren nichts von dem
gefunden wurde, was gesucht wurde, will das Cern in absehbarer Zeit
einen noch grösseren Teilchenbeschleuniger bauen, d. h. dieselbe
unfruchtbare Forschungsweise intensivieren. Der in Aussicht genommene
neue Teilchenbeschleuniger soll eine Länge von 100 Kilometer, also
einen Durchmesser von gut 30 Kilometer bekommen. Die erste
Kostenschätzung beläuft sich auf 21 Milliarden Franken.
Für viele Menschen war und ist klar, dass mit dieser Forschungsart nie
wesentliche Erkenntnisse zu Tage gefördert werden. Die letztlich
dahintersteckende grundlegende, zutiefst philosophische Frage ist, ob
Materie aus Geist entstand oder Geist aus Materie. Physiker, namentlich
die hier tätigen theoretischen Teilchenphysiker, glauben, Geist sei aus
Materie entstanden, d. h. Materie habe schon immer existiert (oder sei
durch einen Urknall aus Nichts entstanden) und deshalb
sei die Antwort zur Frage aller Fragen in der Materie verborgen.
Diese Frage ist eine allerhöchst anspruchsvolle – und zwar vor allem
deshalb, weil diejenigen, die sich wirklich gründlich mit ihr
beschäftigt haben, zum Schluss kommen, der Anfang des Seins, das wir
als solches überhaupt wahrnehmen und denken können, sei Geist gewesen,
und Materie sei daraus wie auskristallisiert. Wer aber zu diesem
Schluss kommt, erfährt auf dem mühsamen Weg dahin auch, wie leicht und,
viele Teilfragen erledigend, der gegenteilige Schluss sich aufdrängen
kann. Diese Erfahrung verhindert es, die Materieanhänger zu verspotten.
Diese Zurückhaltung wiederum aber ist entwicklungsgeschichtlich eine
Katastrophe, denn die fähigsten Köpfe werden sozusagen von der
Teilchenphysik verführt und bilden ihre eigentlichen Talente nicht aus;
die wirkliche Entwicklung ist deshalb stehengeblieben. (Dies allerdings
tatsächlich bereits seit Plancks Quantenresignation, nur bloss seither
durch die Teilchenphysik verhärtet.)
Die Frage des Primats von Materie oder Geist geht in neuerer Zeit auf
Kant zurück, der die Ansicht vertrat, dass dem Menschen absolute
Grenzen gesetzt sind. Dies heisst, dass der Mensch nur innerhalb der
Materie forschen und zu verlässlichen Erkenntnissen kommen könne und
alles darüber hinausgehende, insbesondere wenn es sich der binären
Logik entzieht, bloss Ansichtssache sei und bleibe. (Kant wusste
durchaus, dass seine Sichtweise nicht zutraf. Er hatte Kontakt zu
Swedenborg, der ihm aber nicht erklären konnte, wie er zu seinen
hellseherischen Fähigkeiten kam. Kant brach deshalb den Kontakt
verärgert ab.) Zwar ist dies völliger Unsinn. Aber wie die Erfahrung
besonders in den Religionen und der Politik zeigt, muss ein Unsinn nur
eine gewisse Grösse und genügend repräsentierende Stimmen haben, um,
allenfalls auch nur schulterzuckend, stillschweigend toleriert zu
werden. In Bezug auf das Cern heisst dies, dass Europa über Jahrzehnte
hin Milliarden dafür ausgibt, um in einer Ecke nach Antworten zu
suchen, die dort nicht zu finden sind, und dass dieses Vorgehen
gleichzeitig jeden wirklichen Erkenntnisfortschritt verunmöglicht.
Die gesuchte Antwort in der Materie zu finden ist eine methodische
Unmöglichkeit. Die mögliche Antwort als solche anzuerkennen hängt von
den Fähigkeiten des Forschers ab. Hierbei zeigt es sich, dass dieser
nur physisch gegenständliche Dinge als letzte Instanz anerkennen kann;
auch eine Datenmenge und einen binärlogischen Schluss daraus wird er
nicht abschliessend akzeptieren. Wenn sich in den Tiefen der Materie
aber z. B. ein Geruch oder ein Ton zeigen würde, der diese Sache ist,
die die Welt im Innersten zusammenhält, würde der Teilchenphysiker das
nicht akzeptieren und den Stoff suchen, von dem der
Ton oder der Geruch ausgeht. Wenn der Forscher aber dieses
stofflich-gegenständliche Ding fände, würde sich sogleich die Frage
einstellen, wie verlässlich festgestellt werden könnte, dass dies
tatsächlich das gesuchte Ding wäre, und insbesondere, wie dieses Ding
entstanden sei. Diese unhaltbare Situation wird sich aber bei jeder Art
von materiebedingter Antwort ergeben. Die Frage nach dem Ding fängt
also bei einer jeden solchen Antwort gleich wieder von vorne an. Oder
anders gesagt, mit der Forschung in der Materie kommt man nicht über
die derzeit bestehende Materie hinaus. Man findet die Lösung aus
methodischen Gründen nicht.
Als Anhang: Das Primat ist der Geist. Wahrgenommen werden in seiner
Ganzheit kann er derzeit nicht. Aber dies stellte schon Fichte fest und
sagte deshalb (1810), der Mensch müsse ein völlig neues
Wahrnehmungsorgan ausbilden. Rudolf Steiner präzisierte dies und wies
1904/05 mit der Aufsatzsammlung (heute als Buch erhältlich) „Wie
erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ den Weg, dieses Organ
auszubilden. Dazu bräuchte es heute allerdings eine psycho-pneumatische
Infrastruktur, die nur generalstabsmässig gezielt in ca. dreissig
Jahren herbeizuführen wäre. Dies – und nicht Cern – ist die Aufgabe der
Gegenwart.
Entwicklungsgeschichtlich zeigt es sich, dass der Mensch in einer
bestimmten Phase – in Mitteleuropa ist dies vornehmlich das 19. und 20.
Jahrhundert – die Vorstellung benötigt, eine jede Sache habe einen ganz
bestimmten Anfang und ein ebenso ganz bestimmtes Ende. Erst in dieser
Phase kann er nämlich die Vorstellung ausbilden, er selber sei eine
eigenständige Individualität und nicht bloss ein Teil der Natur in
einem ewigen Strom des Werdens und Vergehens. Der vorgestellte
eindeutige Anfang und das ebensolche Ende wirken wie feste und
verlässliche psychische Bezugspunkte. Bei den Physikern sind diese
Bezugspunkte der angeblich die Materie gebildet habende Urknall und der
dereinstige angebliche Wärmetod der Erde; beim Normalbürger sind es die
Entstehung des Menschen durch die Konzeption und das Ende durch den
alles abschliessenden Tod. Im Geldwesen – dem einzigen künstlichen
Organismus – ist es die Vorstellung der Kreditgeldschöpfung aus dem
Nichts und seiner Vernichtung durch die Tilgung. Bei der Religion ist
es der Urbeginn durch den Schöpfergott und das Wirken des Erlösers am
Ende aller Tage. Bei der wichtigsten Ersatzreligion, der
Sportveranstaltung, ist es der Anpfiff und der unter diesen oder jenen
Regeln festgehaltene eindeutige Schluss, das mess- oder zählbare
Endergebnis. Tatsächlich wird aus der Bedürftigkeit nach den günstigen
Entwicklungsbedingungen zur Bildung der Empfindung der eigenen
Individualität verbissen an der Weiterexistenz der genannten
Rahmenbedingungsvorstellungen, der bestimmten Anfänge und ebenso
bestimmten Enden, festgehalten.
Als Nebenprodukt der Fixierung der Bezugspunkte und dem daraus sich
ergebenden weitgehenden Entwicklungsstillstand sowie dem gleichzeitig
aber ebenfalls aufkommenden Bedürfnis, etwas von einer anderen, nämlich
übersinnlichen „Welt“ zu erfahren, werden – zum Teil lebensgefährliche
– Grenzsituationen herbeigeführt, in der Hoffnung, über diese Grenze
hinauszusehen. Der vielleicht verbreitetste derartige Versuch ist der
Rauschgiftgenuss. Die sich in der Folge bildende Drogensucht ist damit
die gesamtgesellschaftliche Folge der Trägheit der fortgeschrittensten
Forscher, sich der Frage nach dem Primat von Materie oder Geist
gründlich anzunehmen. Geschähe letzteres, würde die Aussicht aufkeimen,
dass die Menschheit auf geregelten Wegen echte unverfälschte Einblicke
in die entscheidenden Verborgenheiten bekommen kann.
Die noch verbreitet vorhandene psychische Anhänglichkeit an die
Fixpunkte-Ideen zeigt sich am ehesten im Widerstand gegen die Idee von
Reinkarnation und Karma. Tatsächlich gibt es in der organischen Reihe
der Inkarnationen innerhalb des mechanistischen Vorstellungsvermögens
des Menschen keinen Anfangspunkt und keinen Endpunkt. Hier zeigt sich
aber auch der entscheidende Unterschied zur asiatischen
Seelenwanderungsidee. Diese ist ein ewiger Fluss ohne
Individualitätsvorstellung, ein gesichtsloses panta rhei. Die
Reinkarnationsidee ist jedoch ein „ewiger“ Fluss, in welchen sich der
Mensch dann (erst), nachdem er sich stabil zum Individuum entwickelt
hat, als eigenständiges, selbstgestaltendes und selbstverantwortliches
Individuum empfindet.
In der Sonntagsausgabe der NZZ
vom 2. März 2025 ist ein längerer Artikel des Germanisten und
NZZ-Redaktors Martin Helg zum 100. Todestag von Rudolf Steiner
abgedruckt.
(www.nzz.ch/nzz-am-sonntag-magazin/genie-oder-scharlatan-ld.1872941)
Der reisserische Titel lautet „Vor 100 Jahren starb Rudolf Steiner. War
er ein Genie oder ein Scharlatan?“ Man sieht damit sogleich, was in
etwa zu erwarten ist. Steiner war weder das eine noch das andere,
sondern ein sogenannt Eingeweihter. Dies ist eine grosse Stufe mehr als
nur ein Genie, denn letzteres weiss nicht, warum es Talente besitzt,
ersterer jedoch schon. Es ist nicht die Sache entscheidend, sondern das
Wissen um deren Ursachen.
Der Artikel ist zwar nicht ganz so negativ wie man es unter
Anthroposophen gewohnt ist, befürchten zu müssen – aber gut ist er
nicht. Einerseits enthält er zu viele kleine Fehler, und andererseits
kommt in keiner Weise zum Ausdruck, warum Steiner die Anthroposophie
Geisteswissenschaft nannte. Wohl deshalb wird auch Steiners Hauptwerk
„Die Philosophie der Freiheit“ nicht einmal genannt; es wird einzig das
Büchlein „Nebenübungen“ erwähnt. Durch dieses jedoch wird niemand zum
Anthroposophen. Der Artikel weckt zudem in keiner Weise das Interesse
des Lesers, sich selber mit Rudolf Steiner zu beschäftigen, er ist
einfach bloss Unterhaltung, die man getrost überspringen kann.
Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass sich der Autor von
„Anthroposophen“ in Dornach beraten lies und sich nicht anhand eines
Grundwerkes oder wenigstens Steiners Selbstbiographie „Mein Lebensgang“
einen Eindruck verschaffte. Aber die Dornacher vertreten eben die
Praxisfelder - und nicht die Wissenschaft.
Unter den verschiedenen Abbildungen befindet sich auch eine Ansicht vom
Dorf Horn. Der fette Untertitel dazu lautet: „Im Dorf Horn in
der heutigen Gemeinde Neusiedl an der Zaya (Niederösterreich) hat
Rudolf Steiner seine frühe Kindheit verbracht.“ Hier ist
allerdings ein bisschen zu viel durcheinandergeraten. Denn weder Horn
noch Neusiedl (im Waldviertel an der Kemptalbahn) sind die richtigen
Orte, sondern es handelt sich um Neudörfl an der Südbahnim Burgenland.
Dann wird unter früher Kindheit das 4. bis 6. Altersjahr verstanden –
die Familie zog jedoch erst 1869 nach Neudörfl, d. h. Steiner war also
bereit acht Jahre alt. Weiter steht im Text, dass sein Vater Bahnwärter
(also Barrierenwärter) gewesen sei. Tatsächlich war er zuerst
Bahntelegraphist und dann Bahnhofsvorstand.
Vom ersten Goetheanum sind zwei Abbildungen vorhanden, einmal im Bau
und einmal als Brandruine. Dass es der weltweit erste stützenlose
Doppelkuppelbau war, der von sämtlichen Fachleutenbis anhin als
unmöglich zu bauen erachtet wurde und von Steiner, der
Naturwissenschaft studierte, selber berechnet worden war, fehlt leider.
Weiter steht da „Er praktizierte Geisterbeschwörungen.“ Was der Leser
nicht erfährt ist, was darunter zu verstehen ist, d. h. es fehlen alle
Informationen dazu, wie bei Steiner eine „Geisterbeschwörung“ vor sich
gegangen sein soll.
Der Autor glaubt zudem: „So vollzog sich Steiners
Metamorphose vom rastlosen Sucher zum Propheten.“ Dies war um
die Jahrhundertwende. Aber Steiner suchte damals in keiner Weise, denn
bereits Ende 1893 erschien sein Hauptwerk „Die Philosophie der
Freiheit“; damit hatte er etwas „gefunden“, was noch heute derart fremd
ist, dass man diesen Fund kaum als solchen erkennt. Was Steiner
tatsächlich suchte, war einzig das fähige Publikum.
Einige wenige der vielen weiteren schmählichen Floskeln sind die
folgenden:
● „…verbuche Steiners Deutschnationalismus, Rassismus und
Antisemitismus unter ‚zeittypische ideologische Fehlleistungen‘ …“
Es
ist tatsächlich eine zeittypische ideologische und zudem moralisierende
ehlleistung, jemandem eine Fehlleistung zu unterstellen, ohne die
Fakten zu kennen. Der angebliche Deutschnationalismus löst sich nicht
nur in Nichts auf, wenn man z.B. Jörn Leonhards „Der überforderte
Frieden“ liest oder Markus Osterrieders „Welt im Umbruch“. Es stellt
sich dann vielmehr die Ahnung ein, dass es beim 1. Weltkrieg darum
ging, einen bestimmte Kulturimpuls, nämlich den deutschen, zu zerstören
– und dass dies gelang und der weltweite Materialismus weitgehend
deshalb bis heute nicht überwunden werden konnte. Zudem: Der mit
Steiner sehr vertraute französische Schriftsteller Edouard Schuré
bezichtigte Steiner während des Krieges in ganz unintelligenter Weise
des Deutschnationalismus’ – und reiste nach dem Krieg (und nach dem
Versailler Vertrag) sowie um einige Einsichten reicher nach Dornach, um
sich zu entschuldigen. Die beiden anderen beliebten
Vorwurfs-Schlagwörter können ebenfalls entsorgt werden. Allerdings ist
hier nicht der Platz, um allein einerseits deren heutige
unwissenschaftliche Bedeutung herauszuschälen und sie andererseits den
anthropo l o g ischen resp. den menschheitsentwicklungspezifischen
Gegebenheiten gegenüberzustellen und so deren Bedeutungen in genügendem
Umfang darzulegen.
● „…aber anders als etwa die katholische oder die
psychoanalytische Lehre hat sich seine Anthroposophie kaum
weiterentwickelt ...“ Tatsächlich verhält es sich exakt
anders herum: Der moderne Mensch hat sich nicht weiterentwickelt.
Deshalb ist er noch nicht fähig, zu erkennen, was moderne
Geisteswissenschaft überhaupt ist. (Er erträgt deshalb auch die
anthropozentrische Vorstellung noch fast gar nicht, d. h. dass der
Mensch die Hauptsache ist und nicht die Gegebenheit Natur/Gott.)
● „.. inspiriert von Christentum, östlicher Weisheit,
deutschem Idealismus und antimodernistischen Grillen …“ Die
neumodernistischen Grillen erlauben es offenbar, eine Sache zu
beurteilen, ohne davon etwas zu verstehen. Aus östlicher Weisheit, die
eine bestimmte Entwicklungsstufe des Menschen voraussetzt, wird sich
nie eine moderne Geisteswissenschaft entwickeln, die eine 3000 Jahre
später erst möglich gewordene und sich jetzt erst im Anfangsstadium
befindende Entwicklungsstufe voraussetzt.
● „Das hatte er von seinem Fixstern Goethe, dem er nicht nur
das Goetheanum widmete.“ Goethe war keineswegs der Fixstern.
Er war jedoch deshalb erwähnenswert, weil er der erste war, der (mit
der Urpflanze) versuchte, das Phänomen Organismus zu erkunden und mit
zutreffenden Begriffen zu versehen. Dies gelang ihm zwar im Sinne der
heutigen Wissenschaft nicht. Um die spezielle Art der erlangten
Erkenntnis der Gesetzmässigkeiten eines Organismus zu vermitteln,
verfasste er spezifische Sprüche, die beim Leser zu einer solchen
gleichen Empfindung führen können. Vor Steiner war dies der einzige
mögliche Anfang zur Erkundung der noch heute der Wissenschaft völlig
verschlossenen Gesetze organischer Gegebenheiten. Es gäbe fraglos auch
ohne Goethe einen Steiner.
Weiter meint der Autor, dass „Wenn Steiner etwas wirklich
hinterlassen hat, dann seine Pädagogik.“ Erneut führt diese
oberflächliche Sicht und Reduktion einer Wissenschaft auf eine blosse
Anwendung derselben dazu, aktuelle Probleme der heutigen Steinerschulen
zunehmend als Beleg für die Bedeutungslosigkeit Rudolf Steiners zu
werten.
Im Abschnitt über die anthroposophische Medizin heisst es: „Ich
erinnere mich an Wallwurzwickel in der Kindheit, an Lavendelöl und
Zwiebelwatte, an den Duft der Provence und wärmende Ströme in den
Gliedern.“ Dies ist nun allerdings nicht anthroposophische
Medizin, sondern Naturheilmedizin. Originär von Steiner stammen
hingegen neben den verschiedenen Mistelpräparaten besonders die
homöopathischen Composita und die Organpräparate; diese werden jedoch
gar nicht erst erwähnt. Der Autor beschreibt auch kurz die
biologisch-dynamische Landbauweise – und dass sie Zuspruch erfährt.
Kann sich hier überhaupt die Frage ergeben, „War er ein
Prophet, ein Scharlatan, ein Universalgenie […]?“
In dem gut viereinhalbtausend Wörter umfassenden Bericht kommt die
Hauptsache gerade in einem einzigen Satz und ohne jeglichen Inhalt vor.
Er lautet: „Zum Wunsch nach Selbstoptimierung liefern Karma
und Reinkarnation den idealen Überbau, verkünden sie doch: Langfristig
ist kein Streben vergeblich!“ In dieser Weise wird
Reinkarnation und Karma und damit das zentrale Thema der Anthroposophie
(siehe z.B. GA 135) grosszügig umgangen und damit auch gleich die
Tatsache, dass es gerade Rudolf Steiner war – um den es eigentlich in
diesem Aufsatz geht –, der im Abendland massgebend darauf hingewirkt
hat, sich dieses naturgegebene Thema zu vergegenwärtigen und die
vermittelten Gesetzmässigkeiten zu hören. Demgegenüber gibt es seitens
der vermeintlich so grossartigen modernen Wissenschaft – gleich welcher
Ausrichtung – nicht die geringste Vorstellung oder sogar ausgedehnte
Hypothesenbildung bezüglich der Frage, wie oder wodurch das Schicksal
des Menschen entsteht, woher seine Talente stammen, woher Sympathie und
Antipathie, Neigungen, Interessen, Vorleiben und dergleichen– oder
gelegentlich die weitgehende Abwesenheit derselben. (Der ab und zu noch
herumirrende Verweis auf die Vererbung ja sich ja wohl inzwischen von
selbst erledigt.) Es ist zu bedenken, dass im Zuge des Schwindens der
Gottesvorstellung die Vergegenwärtigung des Phänomens von Reinkarnation
und Karma die konstituierende Grösse zukünftiger Gesellschaftsbildung
sein wird, resp. werden muss, wenn nicht völlige Orientierungslosigkeit
und in der Folge faustrechtliches Chaos ausbrechen sollen. Der Autor
des Berichts steht dieser zentralen Angelegenheit gegenüber wie ein
Konzertkritiker, der nicht verstanden hat, dass die Abfolge der Töne
und deren Zusammenklingen nicht durch den Bau der Instrumente, sondern
durch menschlichen Willen gegeben ist. Die „NZZ am Sonntag“ erscheint
in über 110‘000 Exemplaren und hat (gemäss WEMF) ca. 400‘000 Leser.
Die NZZ ist nicht eine beliebige Provinzpostille; sie wird vielmehr in
allen deutschsprachigen Redaktionsstuben gelesen und kann dort
gelegentlich zu Weichenstellungen führen. Der Umstand, dass der Autor
mit diesem Artikel bezüglich der bedeutendsten Kulturerscheinung der
neueren Zeit die Leser in gewisser Weise leichtfertig belogen und eine
bedeutende aufbauende Möglichkeit vertan hat, müsste ihn zumindest
nachdenklich machen bezüglich der daraus entstehenden ungünstigen
Karmabildung für seine nächste Inkarnation.
Der Artikel ist geprägt von Vorurteilen, die der Autor unbedacht
übernommen hat. Sie könnten sehr gut z. B. auf die teilweise unsägliche
Steiner-Biographie von Miriam Gebhardt zurückgehen; des Autors Floskeln
und gänzlich unbedachten (Vor)Urteile sind deren Inhalt überaus
ähnlich. Gebhardt hat u.a. ein Unterkapitel von zwanzig Seiten mit dem
Titel „Das Kind seiner Zeit“ verfasst – damit ist Steiner gemeint – und
führt hier z.B. auf, dass Steiners „Sicht“ nicht mit der 50 Jahre
später aktuellen Entwicklungspsychologie übereinstimmt, also
zeitbedingt gewesen sei, gerade wie wenn die anerkannte
Entwicklungspsychologie die reine Wahrheit wäre, die der arme Steiner
einfach als Kind seiner Zeit noch nicht erkennen konnte.
In gewisser Weise muss man allerdings generell einem Journalisten
zugute halten, dass es für ihn eigentlich unmöglich ist, einen wirklich
sachgemässen Artikel zu Rudolf Steiner und damit zur modernen
Geisteswissenschaft zu schreiben. Diese Wissenschaft handelt zu grossen
Teilen von den Gesetzmässigkeiten von Organismen (was der
Wortverwendung nach nicht sogleich ersichtlich ist), und diese sind per
se aussersinnlicher Art, das heisst auch, binärlogisch nicht zu
erfassen – und eine real mehrwertige Logik verschliesst sich dem
gegenwärtigen menschlichen Vorstellungsvermögen noch. Immerhin zeigt
die Erfahrung ja auch, dass von denjenigen, die sich getrauen, sich der
Anthroposophie ein wenig zu nähern und einmal versuchen, ein Buch von
Steiner zu lesen, neunundneunzig Prozent scheitern. Sie lassen es
alsbald wieder sein und finden sich bestenfalls in einem
anthroposophischen Anwendungsfeld wieder.
… und das Scheitern der Anthroposophen an der NZZ
Anhand des NZZ-Artikels muss man leider auch feststellen, dass es den
vom Artikelschreiber befragten Anthroposophen, den namentlich genannten
Gewährsleuten in Dornach (daneben einer Ärztin, zweier Lehrerinnen und
einem Geschäftsleitungsmitglied einer anthrop. Bank), nicht gelang zu
vermitteln, was Anthroposophie ist und wodurch diese
Geisteswissenschaft Wissenschaft ist. Im Übrigen ging es ja eigentlich
um Rudolf Steiner und um dessen 100. Todestag und nicht um
Anthroposophie. Was der von Berufs wegen naive Autor kaum wissen kann:
es gibt zwei anthroposophische Strömungen, und in Dornach ist diese
vertreten, die „tätig lebt“ und Selbstoptimierung sucht; ihre Vertreter
werden gelegentlich auch Platoniker genannt. Dagegen gibt es die
geografisch und auch sonst kaum zu findendenAnthroposophen, die weitab
von Anwendungen vorerst einmal die Wissenschaft in der Anthroposophie,
genannt Geisteswissenschaft, zu verstehen und zu vertreten versuchen,
gelegentlich auch Aristoteliker geheissen. Letztere hätten dem Autor
zuerst einmal einige Fragen gestellt bezüglich seiner eigenen
Vorstellung der Komplexität von Mensch und Welt und dem diesbezüglichen
Primat, damit er in der Folge des Versuchs der Beantwortung beginne zu
ahnen, in welchem Bereich des Gegebenen überhaupt und in welcher Art
sachdienliche Fragen möglich sind. (Eine zutreffende Antwort ist nur
dann möglich, wenn sich der Fragendeder Sache soweit angenähert hat,
dass er fast selber die Antwort findet. Dieses Faktum zwang Steiner,
vorerst einmal in einer Art zu reden, dass der Hörer das Gehörte nicht
sogleich unbewusst automatisch in seine bestehende, nun eben zu
überwindende Weltanschauung eingliederte.) Der Fragende hätte dann
verstanden, dass er die tatsächlich sachgerechten Antworten vorerst so
wenig verstehen kann wie ein Säugling die Poincaré-Vermutung lösen
könnte.
Der letzte Satz des NZZaS-Artikels heisst: „Wer sich ein
Urteil über Steiner bilden will, muss sich entscheiden: Will er ein
Wunder sehen oder einen Scharlatan entlarven? Beides ist möglich.“
Tatsächlich ist es genau anders herum: Wer sich ein Urteil über Steiner
erlaubt, entlarvt sich als Scharlatan – als Scharlatan, da er die
vorausgesetzte Fähigkeit des Urteilens schlicht nicht aufweist.
Hätte der Autor, wie oben vermerkt, sich selber zuerst gewisse Fragen
gestellt, hätte der letzte Satz dann vermutlich und vor allem
zutreffender gelautet: „Rudolf Steiners Geisteswissenschaft verlangt
weit mehr an Denkvermögen als heute zu finden ist, unter anderem weit
mehr als nur binäre Logik, die heilige Kuh der gegenwärtigen
Wissenschaft.“
Der Artikel ist schlichtweg schlecht. Er zeigt aber auch, dass die
Vertreter der Anthroposophie die Anthroposophie (noch) nicht zu
vertreten fähig sind.
Der NZZ-Artikel hätte ganz anders werden können, wenn der Autor das
soeben erschienene, differenzierte und sachgerechtere Buch „Das Rätsel
Rudolf Steiner. Irritation und Inspiration“ von Wolfgang Müller als
Inspiration herbeigezogen hätte.
Diesen
Artikel gibt es hier auch als PDF-Flugblatt
Rudolf Steiner starb am 30. März
1925. Sein Todestag ist Anlass zur Rückschau auf das Wirken seiner
unzähligen Schriften, das Wirken der anthroposophischen Gesellschaft
und der Anthroposophenschaft. In diesen hundert Jahren entstanden aus
der Anthroposophie hervorgehende Volksschulen – die Steinerschulen oder
Waldorfschulen –, eine anthroposophisch orientierte Ärzteschaft, eine
biologisch-dynamische Landwirtschaft sowie künstlerische Impulse. Aber
eine Wirkung zeigende Geisteswissenschaft ist bisher daraus nicht
entstanden. Vielmehr ist es sogar so, dass Steinerschulen zunehmend
unter ideeller Auszehrung leiden und einige anthroposophische Ärzte
zwar anthroposophische Arzneimittel verwenden, aber, wie auch zunehmend
Steinerschullehrer, das anthroposophische Menschenbild nur bedingt
beherrschen.
Eine anthroposophische Geisteswissenschaft müsste heute in der
Gesellschaft diskursleitend sein. Jedoch hat sich nicht einmal das
Wissen um die Naturtatsache von Reinkarnation und Karma nachhaltig
verbreitet, geschweige denn Gewicht erhalten bezüglich des Tuns und
Lassens. Daher stellt sich die Frage – und dies müsste
inneranthroposophisch ausführlich thematisiert werden –, was falsch
gemacht wurde oder welche Hindernisse nicht beachtet wurden und werden.
Die Tatsache, dass niemand zu brauchbarer Hellsichtigkeit und erst
recht nicht zu einer Einweihung gekommen ist (was gelegentlich sogar
bezweifelt wird), zeigt deutlich, dass derzeit diese
Geisteswissenschaft keine ist. Steiner selber beschrieb viele mögliche
Hindernisse, die eine heutige Entwicklung erschweren oder verhindern.
Das grösste innere Hindernis ist vornehmlich die unklare Haltung des
anthroposophischen Individuums zur Anthroposophie – nämlich, dass sie,
in Verkennung ihrer menschheitsgeschichtlichen Bedeutung, bloss eines
unter vielen verschiedenen Interessensgebieten sei. An erster Stelle
jedoch steht vermutlich die allgemeine Willensschwäche. Hinzu kommen
äussere Einflüsse, vielleicht erstere bestimmend. Die äusseren
Einflüsse sind vornehmlich die materialistische Bildung, ungeeignete
Medikamente, ungeeignete Ernährung, das weltumspannende
elektromagnetische Netz, eine anachronistische Wirtschaftsordnung und
eine im Mathematikmodus verhaftete Naturwissenschaft. Dies aber sind,
mit anderen Worten, die Themen, welcher sich der moderne
(anthroposophische) Mensch annehmen muss. Eine alltagspraktische Frage
ist z. B., wie sich elektrischer Strom günstig, kleinräumig und sicher
speichern lässt. Da Elektrizität ihrem Wesen nach organischer Art ist –
der induktive Strom lässt sich nur so erklären –, muss, um zu Lösungen
zu kommen, die Fähigkeit vorhanden sein, organische Gesetzmässigkeiten
unmittelbar zu erkennen. Die organischen Gesetzmässigkeiten sind
übersinnlicher Art. Dies aber ist eine anthroposophische Angelegenheit.
Darüber hinaus: wenn zehntausende Menschen immerwieder ein bestimmtes
Problem – hier also z.B. die Stromspeicherung – vor immer klarer
sehenden Augen haben, bildet sich ein Gedankenraum, der dazu führen
kann, dass einem allenfalls von aussen dazustossenden hochtalentierten
Individuum die Lösung unvermittelt vor Augen tritt. Dies wäre praktisch
wirksame Geisteswissenschaft; sie soll ja immerhin konkrete Lösungen
herbeiführen. Und diese Geisteswissenschaft existiert derzeit nicht.